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Die Schwestern Tendering im 19. Jahrhundert

Von fünf Schwestern der Familie Tendering, zwischen 1825 und 1831 geboren, spielten drei eine bedeutende Rolle im Kulturleben der Mitte des 19. Jahrhunderts am Niederrhein und in Berlin. Es lohnt sich auf diese Frauen einen genaueren Blick zu werfen.

Lina Duncker  - geborene Karoline Wilhelmine Tendering (1825 – 1885)

Karoline Wilhelmine Tendering wurde am 17. April 1825 auf Haus Ahr bei Wesel geboren. Sie heiratete 1849 den Verleger, liberalen Politiker und Mitgründer der „Gewerkvereine“ Franz Duncker (1822 – 1888), Sohn des Chefs von „Duncker und Humblot“, Karl Duncker.

Sie hatten eine Tochter, Marie (spätere Frau Magnus), 1856 geboren.

Lina Duncker war Gesellschaftsdame und betrieb einen literarischen Salon im Berlin der 1850er bis 1860er Jahre, ab 1849 in der Johannisstraße 11 (Gräflich Roßisches Palais), seit 1855 in der Potsdamer Straße 20 und ungefähr seit 1877 in der von-der-Heydt-Straße.

Sie war eine ‚feine, durchgeistigte Frau’ mit ‚stählernen Charakter’ und wird beschrieben als eine Frau, von einer tiefen Sympathie für alle großen und freiheitlichen Bestrebungen’. Lina Duncker habe zugleich über eine scharfe Urteilskraft, über menschliche Wärme und einen trockenen Humor verfügt. Im Dunckerschen Salon blieb man verschont vor erstarrten Konventionen, wie es Ludwig Pietsch (1824 – 1911) einmal lobend erwähnt. Dass Lina Duncker nicht nur eine geschickte Reiterin und Schlittschuhläuferin war, sondern sich auch beim Scheibenschießen in ihrem Garten auszeichnete, imponierte besonders dem Maler, Schriftsteller und Feuilletonisten Pietsch, der das Unkonventionelle liebte, ganz ungemein. Der Höhepunkt des Salons war in den 1850er Jahren.   

Der bedeutendste literarische Gast im Salon Lina Dunckers war von 1853 bis 1856 Gottfried Keller (1819 – 1890), der sich seit 1850 in Berlin aufhielt und dort sehr unglücklich war. Damals entschloss er sich, Dichter, nicht Maler zu werden, doch er fand keinen näheren Kontakt in den Berliner Schriftstellerkreisen.

Die Tendenz des Salons von Lina Duncker war hauptsächlich linksliberal, wobei hier Politiker aller Schattierungen anzutreffen waren.

Der bedeutendste der politischen Gäste war Ferdinand Lassalle (1825 – 1864), der im Salon in den späten 1850er Jahren (bis 1861) verkehrte.

Ferdinand Lassalle war eine hochbegabte, aber exzentrische Persönlichkeit und galt als schwierig im Umgang. Daher wurde er zwar oft mit Abneigung, immer aber mit Neugier betrachtet. Dass Lassalle in nächster Nachbarschaft zu den Dunckers wohnte, verstärkte seine Rolle im Dunkerschen Hause. Oftmals wurden die Diskussionen in seinem Hause fortgesetzt, wenn bei Lina Duncker die Lichter ausgingen. Zwischen Ferdinand Lassalle und Lina Duncker entstand in den späten 1850er Jahren eine Freundschaft, die bis 1861 dauerte und den Salon noch interessanter machte.

Obgleich die Geselligkeit im Hause Lina Dunckers noch viele Jahre fortgesetzt und sehr geschätzt wurde und selbst nach dem Zusammenbruch des Dunckerschen Verlages Ende der 1870er im kleinen Kreis weiterbestand, erreichte sie nie mehr die Bedeutung, die sie in den 1850er Jahren hatte.

Luise Peill  -  geborene Luise Friederike Tendering (1826 – 1914)

Luise Friederike Tendering wurde am 14. Juli 1826 in Haus Ahr bei Wesel geboren. Nachdem Vater und Mutter verstorben waren, kamen sie und ihre Schwester Berta in die Obhut von Verwandten in Wesel und Krefeld.

Über die Erziehung der heranwachsenden Mädchen wissen wir so gut wie nichts.

Die Eheschließung der Luise mit dem Elberfelder Kaufmann, Gustav Adolf Peill, einem Vetter von Julius aus’m Weerth (dem Ehemann der Berta Tendering), erfolgt 1845. Er wurde am 09. Dezember 1815 in Elberfeld geboren, dort starb er am 13. November 1887. Die beiden hatten drei Mädchen und einen Jungen als Nachkommen. Luise Friederike Tendering starb am 28. August 1914 in Elberfeld.

Berta aus’m Weerth  -   geborene Berta Auguste Tendering (1828 – 1876)

Als Vater Carl Tendering 1839 verstarb, nahm sich eine Frau aus dem Dorf der Kinder an; Freunde und gute Bekannte kümmerten sich in rührender Weise um die Mädchen. Luise und Berta kamen in die Obhut von Verwandten in Wesel und Krefeld. Wie ihre drei Schwestern, verließ auch Berta Haus Ahr, das Elternhaus.

1850 einigten sich die überlebenden vier Töchter Tendering, das Anwesen Haus Ahr, ihrer Schwester Berta zu überlassen, die seit 1846 mit ihrem Mann, Julius aus’m Weerth (1817 - 1895) darauf wohnte. Die Erbin musste den drei Schwestern 11.384 Taler auszahlen.

Mit den aus’m Weerths waren die Tenderings über die Frau des Pfarrers, Cäcilie Luise, geb. aus’m Weerth († 1841), verwandt: Berta war die Nichte dritten Grades ihres Mannes, der 11 Jahre älter war als sie.

Bertas Mann, Julius aus’m Weerth arbeitete in den verschiedensten Berufen; zum Beispiel als Leiter einer Färberei und Druckerei. Nach seinem Umzug an den Niederrhein betätigte er sich im Gemeinderat und als Gemeindevorsteher von Möllen; er setzte sich mit großem Engagement für den Bau der Schule ein. Mehrfach streckte er der Gemeinde Geld für kommunale Projekte vor.

Auf einem der zu Haus Ahr gehörenden Höfe, dem heutigen „Strandhaus Ahr“ setzte er eine schon von seinem Schwiegervater (Carl Tendering) eingerichtete Schnapsbrennerei wieder in Betrieb, die den „Ahrschen Korn“ herstellte.

Julius und Berta hatten drei Kinder, die alle auf Haus Ahr geboren wurden: Antoinette (1850), Karl Julius (1851), und Luise Emma (1856).

In der veröffentlichten Ausgabe ‚Sämtlicher Briefe’ Georg Weerths werden Julius und seine Frau Berta oft genannt. Am interessantesten ist vielleicht die Bemerkung, dass Julius und Berta davon träumten, nach Venezuela auszuwandern, um dort eine Hazienda zu kaufen. Julius hatte des öfteren die Absicht geäußert, auf die andere Rheinseite zu ziehen, womit deutlich wurde, dass er keine große Bindung an Haus Ahr hatte. Julius aus’m Weerth zog 1864 nach Wesel. Er hatte das Gut Ahr an den Freiherrn Ludwig Max von Rigal zu Bonn verkauft; zog dann nach St. Goar und lebte 1869 als „Rentner“ in Boppard,  in Bertas Todesjahr, 1876, in Koblenz. 1892/93 bewohnte er ein kleines Haus in Saargemünd (Lothringen) und lebte in den letzten Jahren bei seiner Tochter Luise in Elberfeld.

Berta steht in den Quellen nachweislich immer etwas im Schatten ihrer beiden älteren Schwestern, der intelligenten Lina und der berühmten Betty. Immer jedoch schwingt große Zuneigung mit, wenn Georg Weerth die ‚allerliebste’ Berta erwähnt.

Lina nennt sie einen ‚Engel’ und schreibt an Georg: ‚Du kannst Dir also vorstellen, dass meine Verehrung als Sympathie für sie in mir ist, sie lässt ihren Gästen Freiheit und das breite Behagen guten Lebens angedeihen, sie grämt sich, dass ich keine gute Christin und Preußin bin’ (16.08.1855).

Henriette Ottilie Tendering (09. – 11. 05. 1830)

wurde geboren am 09.05.1830 in Mehrum und starb am 11. Mai 1830; das Kind wurde auf dem Burgplatz Ahr begraben.

Walter Neuse berichtet (Stammbaum Tendering/ aus’m Weerth, in: Die Geschichte des adeligen Hauses Ahr), das Mädchen sei 2 Monate alt gewesen. Vermutlich liegt hier ein Irrtum vor. Denn aus letztgenannter Aufzeichnung lässt sich schließen, dass

Henriette Ottilie nur 2 Tage gelebt hat. Sie ist die Tochter des Karl Tendering und der

Antoinette Roß und somit ebenfalls eine Schwester von Betty Tendering.

Betty Tigler  - geborene Elisabeth Friederike Tendering (1831 – 1902)

 

Elisabeth Friederike Tendering wurde am 6. April 1831 als Tochter des Rittergutbesitzers Karl Tendering und der aus einem schottischen Adelsgeschlecht stammenden Antoinette Roß bei Wesel am Niederrhein auf Haus Ahr zwischen Möllen und Götterswickerhamm geboren. Die Tenderings waren zuvor über mehrere Generationen Rentmeister des nahe gelegenen Hauses Mehrum und verwalteten mit großem Geschick den umfangreichen Besitz des Freiherrn von Plettenberg. Als sich 1823 die Gelegenheit bot, Haus Ahr zu kaufen, erreichten sie den Status selbständiger Großgrundbesitzer.

Elisabeth Friederike, Betty genannt, hatte vier ältere Schwestern, ein Jahr nach Bettys Geburt, 1832, starb ihre Mutter Antoinette und ihr Vater heiratete im darauffolgenden Jahr Betty Schmölder, die Freundin der Mutter aus Coesfeld, Bettys Patentante, die nur nach weiteren zwei Jahren ebenfalls verstarb. 1839 musste auch der Vater zu Grabe getragen werden. Lina, die älteste der Mädchen, war erst 14 und Betty, die jüngste, 8 Jahre alt. Die Kinder wurden in verwandtschaftliche Obhut genommen. Betty wurde von ihrer Stiefgroßmutter in Coesfeld liebevoll aufgenommen. Ihr Onkel, Ludwig Tendering, ein Rechtsanwalt in Wesel, wurde zum Vormund der 4 Verwaisten bestimmt und hütete das Erbe. Die Mädchen verließen Haus Ahr, um sich danach nur noch gelegentlich an den Gräbern ihrer Eltern auf dem Burgplatz neben Haus Ahr wiederzusehen. 1927 wurden die Gräber auf den Kirchhof an der Grünstraße in Voerde verlegt, wo sie noch heute aufzufinden sind.

Später lebte Betty bei ihrem Großvater in Berlin. Sie war 21 Jahre alt, als sie den Schriftsteller, Journalisten und Kaufmann Georg Weerth (1822 – 1856) am 17. Mai 1852 in Leipzig, bei einem Mittagessen mit ihrer Schwester Lina und deren Mann Franz, kennenlernte. Durch die Heirat von Bettys Großvater, Bischof Roß, mit Luise Weerth, war Betty Georgs Kusine zweiten Grades. Nach dieser ersten Begegnung verschwand Georg zunächst völlig aus ihrem Leben. Es ist jedoch ein reger Briefwechsel überliefert, aus dem hervorgeht, wie sehr Weerth Betty verehrte. Dieser machte ihr im Sept. 1855 sogar unerwartet einen Heiratsantrag, den sie rigoros ablehnt. 1856 starb Georg Weerth in Havanna. Bettys Briefe an ihn wurden ihr von dessen Bruder Wilhelm 1857 zurückerstattet. Sie bewahrte sie bis zu ihrem Tode am 13. April 1902 auf.

Zwischen 1854 und 1855 verbrachte Betty die meiste Zeit im Hause ihrer Schwester Lina und ihres Schwagers – dem Verlagsbuchhändler Franz Duncker. Im Dunckerschen Haus in der Berliner Johannisstraße 11 verkehrte die Berliner Szene. Künstler, Schriftsteller und Rechtsanwälte, Historiker, Politiker und andere Prominente gingen ein und aus. Auch Gottfried Keller (1819 – 1890) gehörte zu dem illustren Kreis. Bei seinen Besuchen lernte er die zwölf Jahre jüngere Betty kennen, um sich im Winter 1854/55 leidenschaftlich in sie zu verlieben. Doch die nach seinen Worten "elegante Personnage“, dieses "reiche, schöne und große Mädchen“ erwiderte seine Gefühle nicht. Zwei als Schreibunterlage benutzte Papierbogen zum letzten Kapitel des „Grünen Heinrich“ lassen den Namen „Betty“ in endlosen Reihen, als Initialen oder kunstvoll verziert, als Zeugnis seines Gemütszustandes deutlich werden. Als Dortchen Schönfund wird Betty zur Heldin des vierten Bandes.

Im Briefwechsel zwischen Bettys Schwester Lina und Gottfried Keller äußerte sich dieser über seine Zuneigung zu der von ihm verehrten Rheinländerin.

Auch auf den Berliner Maler und Schriftsteller Ludwig Pietsch, der im Dunckerschen Hause verkehrte, machte sie großen Eindruck. Er beschreibt sie als ein wahres Elitewesen an Leib und Seele, wie es die Natur nur selten in ihren glücklichsten Momenten und in ihrer besten Geberlaune schafft.

1860, vier Jahre nach Georgs Tod, heiratete Betty am 21. Juni 1860 in Wesel den Brauereibesitzer Heinrich Tigler. Auch er musste lange um sie werben. Die Hochzeitsreise ging nach Amerika. Die Familie Tigler wohnte im Jahre 1858 im Haus „Wesel 371“ (das Haus liegt auf der Viehtorstraße).

Heinrich Conrad Tigler und Betty Tendering hinterließen die Kinder:

Friedrich Harry, geb. 20. 04. 1861 Watertown USA, getauft 13.10. 1861,
Otto, Wilhelm, Anton getauft 1865, Wilhelm, Anton getauft 1867,
Johanne, Friederike, Martha getauft 1871,
Maria, Friedrich, August getauft 1874.

Heinrich Tigler starb 1892 in Wesel, Betty Tendering am 13. April 1902 und wurde am 16. April mit Grabrede des Pfarrers Joh. Haardt beerdigt. Betty wurde 71 Jahre und 7 Tage alt. Als letzter Wohnsitz der Betty Tigler, geb. Tendering ist vermerkt: Wesel, Tannenhäuschen, Fanger 7.

Verfasserin: Ingrid Hassmann

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